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#6 – Rückfall & Salbung (Teil I)

Manchmal schlägt die Therapie gleich an und der Allgemeinzustand verbessert sich. Der Patient wird gesund und kann wieder gehen. Manchmal kann es aber auch anders verlaufen und die Person erleidet einen Rückfall der Krankheit. Das war auch bei Bequi (meiner Schwester) der Fall. Innerhalb von wenigen Tagen spielte sich viel ab, denn es musste entschieden werden, was man zur Rettung des Kindes unternehmen würde.

Mittwoch:

Dieses Mal war es noch schlimmer als zuvor und der Oberarzt sprach ernst mit der Mutter der Patientin. Er drängt Noemi zu der Einwilligung einer Knochenmarktransplantation, bei der Bequis kranken Stammzellen durch gesunde Stammzellen einer anderen Person ersetzt werden sollen. Die Folgen wären, dass sie ihre und Bequis Sachen packen, eine Wohnung in Ulm mieten müsste, denn man wüsste nie, wie lange die Therapie dauern würde. Es könnte sich um Wochen, aber auch um Monate handeln, bis Ergebnisse erkennbar werden würden. Für Noemi kam das nicht in Frage. Sie hatte noch eine Tochter und die konnte sie doch nicht einfach zurücklassen. Vor nicht all zu langer Zeit hatte sie ihren Vater verloren und jetzt sind Schwester und Mutter immer im Krankenhaus. Gar nicht mehr in der Stadt zu sein, würde ihr den Rest geben. Sie rang mit sich selbst und der Frage „Was wäre, wenn sie es nicht machen würde?“ Der Arzt antwortete ihr direkt, dass es Bequis einzige Überlebenschance wäre und sie ansonsten in kurzer Zeit tot wäre. Er würde das auch für seine Kinder machen und es gäbe keine andere Möglichkeit mehr, um Bequi zu retten. Der Zustand ihrer Tochter hatte sich so sehr verschlechtert. Sollte sie einwilligen und schon am Montag nach Ulm wegziehen? Das war alles so plötzlich und spontan. Dem Arzt gelang es, sie davon zu überzeugen. Schweren Herzens betete Noemi über die Sache und der Kampf tobte weiter in ihrem Inneren. Bequi hatte eine seltene Leukämie, die wenig erforscht war und viele Chancen gab es nicht. Entweder sie würde die Transplantation erhalten oder sterben. Würde sie aber die Transplantation erhalten, dann hätte sie 50 Prozent Überlebenschancen. Es war also nicht garantiert, dass es auch mit einem Erfolg enden würde.

Donnerstag:

Die Familienpsychologin des Krankenhauses fragte Noemi wieder, ob sie schon mit ihrer älteren Tochter Ale über die Auswirkungen und Folgen der Krankheit gesprochen habe. „Ja, ich habe ihr erklärt, dass es eine schlimme Krankheit ist, die nicht in kurzer Zeit wieder verschwindet, wie bei einer Erkältung“ sagte Noemi. Die Psychologin drängte sie und meinte: „Sie müssen ihrer Tochter sagen, dass ihre Schwester sterben kann. Diese Krankheit führt zum Tod. Haben sie ihr gesagt, dass ihre Schwester stirbt?“ Noemi: „So habe ich das nicht gesagt“. Psychologin: „Dann müssen sie das machen. So bald wie möglich!“ Wie sollte sie diese Botschaft verpacken, ohne, dass sie zu schockierend wäre und sie ein fünfjähriges Kind verstehen kann?

Am gleichen Tag war Ale bei ihrer Mama. Sie fragte: „Kann man von der Krankheit sterben?“ Noemi antwortete: „Ja, davon kann man sterben.“ Dann stellte sie ihr eine weitere Frage: „Wirst du weinen, wenn Bequi stirbt?“ Ihre Mutter antwortete: „Natürlich werde ich weinen. Ich bin ein Mensch mit Gefühlen und nicht aus Stein.“ Darauf sagte Ale in ihrem kindlichen Glauben (woran ich mich aber nicht mehr erinnern kann): „Du brauchst doch gar nicht traurig zu sein und zu weinen. Gott wird sie doch wieder auferwecken, wenn sie stirbt. Das hast du mir erzählt.“ Sie sagte nur: „Da hast du Recht, das hat Gott in seinem Wort versprochen. Ich kann sogar noch was von meiner Tochter lernen. Du hast mich sehr ermutigt.“

Fatiz

Als mir meine Mama diese Begebenheit erzählte kamen mir zwei Gedanken. Zum einen finde ich es erstaunlich, wie viel Kinder schon verstehen können, auch wenn es um den Glauben geht. Ich denke, dass Kinder zu oft unterschätzt werden, aber sie bereits in jungen Jahren einen ehrlichen Glauben aufbauen können. Zum anderen finde ich es bemerkenswert, wie Gott arbeitet. Er nutzt manchmal Kinder oder Personen, von denen wir keinen Glauben erwarten, um uns Mut zu machen und uns zu erbauen. Gott hat so viele Wege, um uns zu erreichen, von denen wir nichts wissen.

„Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr, sondern soviel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken höher als eure Gedanken.“

Jesaja 55, 8.9

@allglory_togod