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#4 – Das Schweigen wurde gebrochen

Als meine Mutter (Noemie) erfuhr, dass meine Schwester Bequi Leukämie hätte, war das ein großer Schock. Sie rief unsere Predigerin an und berichtete von den unschönen Neuigkeiten. Sie bat um Gebet, denn sie war sich bewusst, dass nun eine schwere Zeit folgen würde. In einem Gottesdienst wurde der Krankheitsfall angekündigt, mit der Bitte, die Familie im Gebet zu begleiten. Die ganze Gemeinde und viele Nachbarsgemeinden gebetete. Nicht nur in Deutschland wurde gebetet, sondern auch in Peru, woher Noemi kommt. Ihre Familie und viele weitere Gemeinden unterstützen ebenfalls mit Gebet, vom anderen Ende der Erde.

Es ist wunderschön zu wissen, dass viele Menschen für einen beten, aber das bedeutet auch, dass viele Menschen wissen wollen, wie sich die ganze Sache entwickelt. War Noemi mal im Gottesdienst, während ihr Bruder Moche auf Bequi aufpasste, wurde sie mit Fragen gelöchert; zumindest fühlte es sich so an. Bevor der Fall bekannt wurde fragten manche, wie es ihr geht, was sie macht und wo ihre jüngste Tochter sei. Es war alles noch so präsent und sie fühlte sich nicht bereit, über die Erfahrungen in der Kinderklinik zu sprechen. Jedes Mal, wenn jemand ein Gespräch begann, versuchte sie das Gespräch oberflächlich zu halten, denn es war ihr unangenehm immer und immer wieder die gleichen Fragen gestellt zu bekommen. Sie konnte das Erlebte einfach nicht aussprechen, denn es war, als würde ihr ein Kloß im Hals stecken. Noemi hatte den Eindruck, dass sie weinen würde, wenn sie beginnen würde zu sprechen. Außerdem würde das Weinen die Situation nicht verbessern. Sie wollte stark bleiben und entfloh so manchem Gespräch.

Deshalb begann sie um Kraft für die schwere Phase zu beten, doch trotz des Gebetes löste sich der Knoten im Hals nicht. Alles fühlte sich an, wie ein Albtraum, doch es war die Realität. Noemi wollte, dass Gott ihr innere Freiheit schenkt. Sie wusste, dass Gott hilft, doch ihr Vertrauen lag in den Ärzten, denn sie sollten eine gute Therapie finden, durch die Bequi so schnell wie möglich genesen würde. Gleichzeitig, war die Hoffnung mit Angst verbunden, dass die Ärzte versagen könnten und sie ihre Tochter verlieren würde. Das war definitiv der falsche Ansatz. Sie sollte sich lieber auf Gott, statt auf Menschen verlassen, denn deren Kenntnisse haben auch Grenzen.

Daher betete meine Mama: „Herr, hilf mir, mich auf dich zu verlassen. Auch wenn die Ärzte nicht helfen könnten, will ich nicht verzweifeln, sondern all mein Vertrauen in dich setzen. Vergib mir, dass ich mich auf Menschen verlassen habe, ich will mich auf dich verlassen. Ich will keine Angst haben müssen, dass die Ärzte versagen und meine Tochter stirbt. Mein Vertrauen soll ganz bei dir sein. Und wenn Bequi die Krankheit nicht überleben sollte, hilf mir auch damit zurecht zu kommen. Herr, wenn du willst, dass mein Kind lebt, dann mache sie gesund. Wenn sie nicht leben soll, gib mir Kraft, das zu akzeptieren, denn ich habe noch ein Kind zu versorgen. Ale ist noch klein und braucht meine Versorgung. Ich möchte nicht depressiv werden, weil ich noch eine weitere Verantwortung habe. Ich möchte Bequis Leben in deine Hände geben. Dein Wille geschehe. Amen!“

Als meine Mama Jugendliche war und die Schule fast beendet hatte, starb ihr ältester Bruder im Alter von 21 Jahren, zu dem sie die engste Verbindung von ihren Geschwistern hatte. Er war ein Bruder, ein bester Freund und manchmal wie ein Vater für sie. Ihre Mutter (meine Oma) verkraftete seinen Tod nicht und es dauerte Jahre, bis sie alles verarbeitete. Sie fiel in eine tiefe Depression und es war für alle schrecklich, denn ihr Fokus lag nur noch auf den Verstorbenen. Es war, als würde sie vergessen, dass sie noch einen Mann und weitere Kinder hatte, die lebendig waren. Meine Mutter wollte in keinem Fall die gleiche Erfahrung machen, sondern Gottes Willen und Entscheidung akzeptieren, statt ihn anzuschuldigen.

Durch das Gebet, war der Wunsch, Gottes Entscheidung zu akzeptieren möglich. Der Knoten löste sich und sie fühlte sich nach dem Gebet wirklich frei. Solange sie nicht die Entscheidung getroffen hatte, sich auf Gott zu verlassen, komme was wolle, war es nicht möglich. Sie erzählte, dass man als Mutter große Angst um das eigene Kind hat, doch es war falsch, denn sonst wäre ihr Glaube nur Theorie. Es war an der Zeit, dass sich zeigen würde, was sie tatsächlich glaubt. Ab diesem Gebet konnte sie frei über die Krankheit sprechen, ohne emotional zusammen zu brechen. Sie konnte darüber berichten, als würde sie von ihrem Einkaufszettel sprechen. Das soll an dieser Stelle nicht lieblos klingen. Gott hatte ihr so ein Vertrauen und eine Gewissheit in ihm geschenkt, dass seine Hand über allem steht und sie keine Angst und Trauer mehr verspürte. Nun sah sie das, was die Ärzte taten als Gottes Willen und Führung an.

Einige Tage später traf sie eine Nachbarin, die zu diesem Zeitpunkt ebenfalls zwei junge Töchter hatte. Sie wusste von Bequis Krankheit, da sie immer wieder mit Moche darüber sprach und sich über den Stand der Dinge erkundigte. Sie fragte, wie es ihr und Bequi ginge, worauf Noemi das erste Mal frei über alles sprechen konnte. Sie erzählte der Nachbarin, was im Krankenhaus passieren würde, dass Bequi über zwanzig Mal gestochen wurde, damit Blut abgenommen wird und sie es nicht mit ansehen konnte. Bequi war ein starkes Mädchen, das bei den Blutabnahmen nie weinte, doch das war auch ihr irgendwann zu viel. Als Mutter daneben zu stehen und nichts machen zu können ist einfach schlimm. Sie berichtete auch über die Therapie, den Aufenthalt, dass Moche auf Ale (mich) aufpasste und sie nun mehrmals die Woche mit ihm tauschte, um beiden Töchtern gerecht zu werden. Es war, als erzählte sie einfach eine Geschichte.

Die junge Nachbarin sagte mit Tränen in den Augen: „Das ist alles so schlimm! Wie kannst du das alles so erzählen? Du bist so gefasst.“ Noemi antwortete ihr: „Am Anfang konnte ich es nicht erzählen und es ging mir dabei auch nicht gut, aber jetzt bin ich frei und ich kann darüber reden. G hat mir Kraft gegeben, um darüber zu sprechen. Das ist für mich eine Gebetserhörung.“ Der Nachbarin kamen die Tränen und sagte, dass sie allein vom Zuhören weinen müsse. Dann sagte sie: „Ich glaube auch an Gott.“

Fazit

Auch in der Gemeinde konnte sie nun über die Krankheit und alles andere sprechen. Gott hatte sie befreit. Sie fühlte sich erleichtert und bestätigt, dass Gott auch in schweren Zeiten Kraft gibt und stärkt. Durch die Befreiung, war es möglich, Zeugnis zu geben, denn die Menschen um sie, sahen, dass Gott tatsächlich ihr Trost war.

„Wenn euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr wirklich frei“

Johannes 8,36

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